Mit Tandem, BMX und Ehrenamt: Mehr als 6000 Radler feiern SZ-Fahrradfest in Dresden

Beim SZ-Fahrradfest in Dresden sind über 6000 Kinder, Familien und Ausdauerfahrer unterwegs. Die elfjährige Alisa will auf einem Tandem ihre erste Medaille holen. Andere nehmen sich mehr als 200 Kilometer vor, während BMX-Fahrer auf einer acht Meter hohen Rampe Anlauf nehmen.
Dresden.
Die Morgenluft ist kühl und neblig, der Himmel grau. Auf der Pieschener Allee ziehen einige Radfahrer ihre Jacken etwas enger. Auf dem Festgelände neben der Strecke riecht es schon nach Bratwurst. Zwischen den grünen Trikots des SZ-Fahrradfests stehen Räder dicht an dicht, immer wieder greifen Fahrer zur Klingel. An diesem Tag starten 6186 Radfahrer auf fünf Strecken.
Mittendrin steht die elfjährige Alisa Raabe neben einem Tandem. Am Fahrrad flattern zwei Piraten- und eine Einhornfahne. Für sie ist dieser Morgen besonders: Zum ersten Mal fährt sie bei einer organisierten Radtour mit. Bisher musste sie wegen ihres Herzfehlers zuschauen, während ihr Vater Jens Raabe gemeinsam mit ihrem älteren Bruder schon in den vergangenen Jahren dabei war.

„Das hat sie irgendwann ganz schön gefuchst, dass ihr Bruder immer Medaillen mit nach Hause brachte und sie daneben sitzen musste“, sagt ihr Onkel Alexander Raabe-Kajander. Heute will sie selbst eine bekommen.
Mit dem Tandem zur Medaille
Die Lösung dafür hat die Familie aus Radebeul mitgebracht: ein fast 20 Jahre altes Tandem. Jens Raabe entdeckte das Tandem damals auf einem Anzeigenbrett in einem Kaufland. Heute soll ausgerechnet dieses Rad dafür sorgen, dass Alisa ihre Medaille bekommt. Sie sitzt hinten, ihr Onkel Alexander Raabe-Kajander vorn. Ihr Vater begleitet beide mit dem eigenen Rad.
„Die Strecke war wieder gut. Aber es hätten mehr Berge sein können.“
Christian Simon, Teilnehmer beim SZ-Fahrradfest
Noch wartet die Familie auf den Start der 30-Kilometer-AOK-PLUS-Tour. Immer mehr Teilnehmer schieben ihre Räder auf die Pieschener Allee an den Start. Kinder sitzen auf kleinen Rädern, ein Hund schaut aus einem Korb, ein Teilnehmer zieht eine Musikbox auf einem Anhänger mit. Punkt 9 Uhr fahren die Teilnehmer langsam los.
200 Kilometer sind „gar nicht so viel“
Andere haben zu diesem Zeitpunkt schon zwei Stunden Vorsprung. Um sieben Uhr sind die ersten Fahrer Richtung Berlin aufgebrochen. Eine von ihnen ist Anke Randtz. Die lange Strecke schüchtert sie nicht ein: „200 Kilometer sind eigentlich gar nicht so viel.“ Ihre Maßstäbe sind allerdings auch andere: Vor kurzem fuhr sie beim 24-Stunden-Radrennen auf dem Lausitzring mit.

Anke Randtz fährt beim 30. SZ-Fahrradfest am 4. Oktober 2026 die längste Strecke mit. Bei der VeloTour geht es 206 Kilometer lang Richtung Berlin.
Quelle: Benjamin Woop

Andreas Schneider und Aylin Neuber gehören zum Streckenorganisationsteam. Sie und ihre sechs Kollegen prüfen die Wege, bringen Wegweiser an und sorgen für einen reibungslosen Ablauf.
Quelle: Jürgen Lösel
„Die Aufgabe macht einfach Spaß: die Teamarbeit, die Verantwortung, die Stimmung“, sagt Neuber. Fehler darf man sich dabei aber nicht erlauben: „Sonst fahren die Fahrradfahrer in die falsche Richtung.“
Ein paar Meter abseits der Strecke geht es weniger um die richtige Richtung als um möglichst viel Höhe. Vom „NXT:Gen“ schallt die Stimme eines Ansagers über die Pieschener Allee. BMX- und Mountainbike-Fahrer nehmen in diesem Wettbewerb auf einer acht Meter hohen Rampe Anlauf – Sekunden später fliegen Räder und Fahrer weit über die Köpfe der Zuschauer.
Noch achten die Schaulustigen auf die fliegenden Räder, da tauchen schon die ersten Rückkehrer der 80-Kilometer-Tour auf. Besonders erschöpft wirken Robert Zyrus und Christian Simon nicht. „Die Strecke war wieder gut. Aber es hätten mehr Berge sein können“, sagt Simon lachend. Im Ziel bekommen beide ihre Medaillen.

Robert Zyrus (rechts) und Christian Simon haben an der XXL‑Tour (80 Kilometer) teilgenommen und sind mit einem Schnitt von rund 32 Kilometern pro Stunde unterwegs gewesen. Beide fahren regelmäßig Rad und sind nicht zum ersten Mal beim Fahrradfest dabei.
Quelle: Benjamin Woop
Erst Schritttempo, dann Tempo 30
Auf die hat es auch Alisa abgesehen. Doch der Start ihrer 30-Kilometer-Tour läuft zunächst anders als erhofft. Vom Versorgungspunkt meldet die Familie: Der Hinweg sei teilweise mühsam gewesen, auf sehr schmalen Wegen ging es zeitweise nur im Schritttempo voran.
Ihre kleine Musikbox am Rad hilft gegen den zähen Beginn. „Da ging die Party ab“, erzählt die Familie bei der Pause. Gestärkt geht es zurück nach Dresden – nun deutlich schneller. Teilweise fährt das Tandem um die 30 Kilometer pro Stunde, berichtet Onkel Alexander. Alisas Vater hat Mühe, dranzubleiben. „Alex ist definitiv der bessere Motor“, sagt er lachend. Onkel Alexander muss allerdings auch nicht ganz allein treten: „Ich trete viel mit“, stellt Alisa klar. Nur ein paar kurze Pausen habe die Elfjährige gebraucht.
30 Kilometer bis zur Medaille
Inzwischen ist die Herbstkälte vom Morgen verschwunden, zwischenzeitlich scheint die Sonne. Teilnehmer in grünen T-Shirts mit Medaillen um den Hals sitzen an den Biertischen und essen Bratwurst. Währenddessen klackert das Lidl-Glücksrad und Zuschauer bei „NXT:Gen“ jubeln. Dann fährt das Tandem ins Ziel ein.
Alisa, Papa Jens und Onkel Alexander haben die 30 Kilometer geschafft. Im Ziel wartet jetzt das, worauf sich die Elfjährige schon vor dem Start gefreut hat: ihre eigene Medaille. Und offenbar soll es nicht die letzte vom SZ-Fahrradfest bleiben. Alisa möchte auch nächstes Jahr wieder mitfahren. „Dann mit einem E‑Bike, das ich selbst fahre.“
SZ / Benjamin Woop und Sara Booth