SZ / Julian Hölscher
Mit Herzschrittmacher aufs Rad: Diese 87-Jährige fährt immer noch für ihr Leben gern Rad

Suse Ringel ist 87 Jahre alt und steigt regelmäßig aufs Rad. Beim SZ-Fahrradfest geht sie trotz Herzschrittmacher zum zwölften Mal an den Start. Nach diesem Jahr soll Schluss sein – oder doch nicht?
Ottendorf-Okrilla. Suse Ringel hievt ihr Rad aus dem Gartenhäuschen, an dem sich Pflanzen an der dunklen Holztür vorbei bis auf das Dach ranken. Sie stellt das Damenrad mit dem langsam abblätternden Gummi am Lenker vor sich auf. Routine für die 87-Jährige. Denn sie steigt im hohen Alter noch regelmäßig aufs Rad. Damit erledigt sie etwa Einkäufe – und fährt beim SZ-Fahrradfest mit. „Ich will es noch einmal wissen“, sagt sie vor ihrer zwölften Teilnahme am letzten Juni-Wochenende.
„Alles, was im Umkreis von 12 bis 15 Kilometern ist, macht sie vorzugsweise mit dem Fahrrad“, sagt ihr Ehemann Christian. Zudem geht sie jeden Samstag pünktlich um 8 Uhr morgens schwimmen – 55 Bahnen à 50 Meter. Dazu kommt die Gartenarbeit an ihrem Haus in Ottendorf-Okrilla, in dem Suse Ringel bereits geboren wurde.
Schrecksekunde für Kind und Pferd
Was ist ihr Geheimnis? „Bewegung ist das halbe Leben“, sagt sie. „Vielleicht auch noch mehr.“ Sich regelmäßig zu bewegen, das würde sie allen empfehlen – jung wie alt. Eine Lebensphilosophie, die selbst im Urlaub stets Bestand hatte. „Das waren immer Aktivurlaube“, sagt Christian Ringel. Mit Faltboot und Zelt waren sie unterwegs, haben alle Kanarischen Inseln bewandert und eine Wüstentour gemacht.
Dabei hat Suse Ringels Liebe zur Bewegung – insbesondere zum Fahrradfahren – durchaus holprig begonnen. „Ich kann mich an meine erste Fahrradtour 1946 entsinnen.“ Mit ihrer Mutter fährt sie damals auf der Dresdner Straße in Ottendorf-Okrilla.
Ehemann Christian wartet im Ziel auf Suse Ringel
„Da kam ein Pferdegespann mit einem alten Gaul vorneweg“, erzählt sie. Ihre Mutter – „ich höre sie heute noch sprechen“ – habe ihr gesagt, sie solle ausweichen und am Rand fahren. „Und ich bin schnurstracks auf den Gaul zu.“ Vor dem sei sie hingefallen, doch Kind und Pferd glücklicherweise nichts passiert. Noch immer müsse sie daran denken, wenn sie an der Stelle vorbeikomme. „Meine Mutter war tüchtig erregt“, erinnert sich Suse Ringel. „Und der Kutscher natürlich auch.“
Ihrer Liebe zum Fahrradfahren hat das keinen Abbruch getan. Und so geht sie auch 80 Jahre später beim SZ-Fahrradfest an den Start. Ihr Mann wartet dann wieder im Ziel auf sie, so wie in den vergangenen Jahren. „Da machen wir uns einen Treffpunkt aus“, sagt Suse Ringel.
„Vielleicht mache ich die Kindertour mit meinen Urenkeln nächstes Jahr doch noch mit.“
Suse Ringel (87), ist zum zwölften und eigentlich letzten Mal beim SZ-Fahrradfest dabei
Bis 2021 sind die beiden gemeinsam gefahren. Heute kann Christian Ringel, 89 Jahre alt, gesundheitsbedingt nicht mehr selbst am Start sein. Dennoch ist das Fahrradfest seit 2014 als fester Termin im Kalender eingetragen. Meistens sind sie die 30-Kilometer-Tour gefahren, einmal gemeinsam auch die nächsthöhere Stufe.
In diesem Jahr soll es für Suse Ringel wieder die 30-Kilometer-Tour werden. „Da sind keine Berge, nur die Brückenanstiege über die Elbe“, sagt sie. „Da nimmt man sich Zeit, so gut es geht.“ Die 87-Jährige hat einen Herzschrittmacher. Damit gehe ohnehin alles nicht mehr so schnell, erklärt sie.
Das Fahrradfest habe eben Tradition, sagt Suse Ringel – für ihre und viele andere Familien. „Das ist ganz niedlich, wenn die Kleinen strampeln und manchmal an einem vorbeizischen.“ Sie selbst hat bereits zwei Urenkel im Vorschulalter. Zum ersten Mal fahren nun auch sie beim SZ-Fahrradfest mit, allerdings die kurze Familientour über fünf Kilometer.
Nach diesem Jahr und der zwölften Teilnahme soll aber Schluss sein, sagt Suse Ringel. Oder doch nicht? „Vielleicht mache ich die Kindertour mit meinen Urenkeln nächstes Jahr doch noch mit.“ Denn auch mit dann 88 Jahren gilt für die Ottendorferin selbstverständlich: Bewegung ist das halbe Leben. Und vielleicht sogar ein bisschen mehr.