Elfjährige mit Herzfehler fährt auf Tandem: „Damit Alisa endlich ihre Medaille bekommt“

Die elfjährige Alisa aus Radebeul hat einen Herzfehler und kommt beim Radfahren schnell aus der Puste. Ihr Onkel hat nun eine Lösung gefunden, damit sie trotzdem beim SZ-Fahrradfest am 4. Oktober mitfahren kann. Das Geheimnis: ein Tandem aus den 2000ern.
Dresden/Radebeul. Eigentlich stand das schwarze Tandem von Jens Raabe viele Jahre nur in der Garage. Anfang der 2000er-Jahre hat er es gekauft, über eine Anzeige im Kaufland. Ein niederländisches Modell, gebraucht, 100 Euro. „Und da habe ich zugeschlagen, weil ich dachte, das ist eine gute Idee“, erinnert sich Raabe. Wie gut die Idee tatsächlich sein würde, wusste der 53-jährige Radebeuler damals noch nicht.
Stattdessen stand das Fahrrad erst einmal nur herum und staubte ein, „weil niemand mit mir fahren wollte“, sagt Raabe – bis er Kinder hatte. Er ließ das Tandem überholen, baute eine bessere Schaltung und bessere Bremsen ein. Als sein Sohn noch jünger war, brachte Raabe außerdem Fußrasten am hinteren Sitz an, sodass dieser mitfahren konnte, ohne zu treten. Inzwischen ist sein Sohn 14 Jahre alt, dessen kleine Schwester Alisa 11 Jahre alt. Das Tandem wird gelegentlich ausgepackt, für den Weg zum Badmintontraining oder einen kurzen Ausflug durch den Wald. „Es ist ein guter Bestandteil meiner Radsammlung geworden“, sagt Raabe. Ein Lastenrad gehört dazu, ebenso wie konventionelle Muskelräder und ein E-Bike für seine Tochter.
Herzfehler seit Geburt: Alisa blieb bei Radtouren außen vor
Alisa Raabe wurde mit einem Herzfehler geboren. Ein univentrikuläres Herz nennt sich das, erklärt Papa Jens. „Eine Herzkammer ist voll ausgeprägt, die andere Herzkammer ist eben nicht wirklich da.“ Drei Operationen musste sie gleich zu Beginn des Lebens über sich ergehen lassen, um den Kreislauf entsprechend anzupassen. „Das sorgt schon dafür, dass man, wenn alles gut läuft, normal am Leben teilnehmen kann. Aber es ist dadurch eben nicht vollständig geheilt.“
Im Alltag merkt Alisa nur manchmal etwas von ihrer Erkrankung. „Aber beim Sport spüre ich es sehr“, erzählt die Elfjährige. „Wenn ich mich überanstrenge, beim Laufen oder manchmal auch beim Fahrradfahren.“
Rad fährt Alisa trotzdem gern. Regelmäßig macht sie mit ihrer Familie Ausflüge, radelt zum Einkaufen, durch den Wald, vielleicht auch bald zur Schule. Ihr neues E-Bike hilft, aber bei langen Strecken braucht sie noch immer viele Pausen, kommt schnell aus der Puste.

Ihr Vater und ihr Bruder nahmen in den vergangenen Jahren an verschiedenen organisierten Radtouren in Sachsen teil. Alisa hat bisher immer ausgesetzt. „Eigentlich hatte ich schon sehr Lust, da mal mitzumachen. Aber wir wussten nicht, ob das so gut für mich wäre“, sagt die Fünftklässlerin.
„Das hat Alisa irgendwann ganz schön gefuchst, dass der Bruder immer Medaillen mit nach Hause brachte und sie musste danebensitzen.“
Alexander Raabe-Kajander, Onkel der herzkranken Alisa
„Das hat Alisa irgendwann ganz schön gefuchst, dass der Bruder immer Medaillen mit nach Hause brachte und sie musste danebensitzen“, erinnert sich ihr Onkel, Alexander Raabe-Kajander. So kam ihm eine Idee.
Mit menschlichem Motor von Dresden nach Radebeul
Der 47-Jährige ist leidenschaftlicher Rennradfahrer. Mindestens acht Kilometer zu und von der Arbeit fährt Raabe-Kajander täglich mit dem Rad, egal bei welchem Wetter. Über den deutschen Radfahrerbund nimmt er regelmäßig an Radtouren teil – wie etwa dem Fahrradfest der Sächsischen Zeitung. Von Radebeul ist es nicht weit nach Dresden, die Strecken sind der Familie zum Teil schon bekannt.
„Und dann sind wir auf die Idee gekommen: Tandem. Wenn Alisa nicht mehr kann, dann bin ich ihr Motor“, sagt Raabe-Kajander und lacht. Während der Fahrt kann Alisa jederzeit die Fußrasten herunterklappen und solange Pause machen, wie sie es braucht.
Als erfahrener Radler traut sich Raabe-Kajander zu, seine Nichte auch den Großteil der 30-Kilometer-Tour des SZ-Fahrradfests herumzufahren, wenn nötig. Papa Jens war das zu heiß – vor allem, weil das diesjährige Fest ursprünglich im Hochsommer stattfinden sollte. Wegen der Hitzewelle wurde es kurzfristig auf Oktober verschoben.
Raabe begleitet die beiden lieber auf seinem eigenen Rad. „Mir liegt eher Joggen. Da ist Alex der bessere Mensch-Motor für das Fahrrad“, witzelt er. „Wenn ich dann keine Lust mehr hab, tauschen wir“, sagt sein Bruder. Eine bestimmte Zeit hat Raabe-Kajander für die Tour nicht im Visier. Sein Ziel: „Dass wir das Ding beenden und die Alisa endlich ihre Medaille bekommt.“
SZ / Sara Booth