9000 Euro für ein Rennrad: Diese Frau lässt sich für viel Geld in Sachsen ihr Traumrad bauen – warum?

Svenja Müller ließ für 9000 Euro ihr Traumrad bei Diamant in Chemnitz fertigen. Aus der Fabrikhalle konnte sie es direkt mit nach Hause nehmen.
Quelle: SZ/Tabea Zimmermann

 

Svenja Müller leistet sich für 9000 Euro ein Fahrrad. Damit liegt sie noch im unteren Drittel der möglichen Sonderwünsche. Ihre Maßanfertigung darf sie bei Diamant in Chemnitz selbst abholen. Wer lässt sich für so viel Geld ein Rad bauen – und wieso?

Chemnitz. „Das ist mega cool“, sagt Svenja Müller* nur mit einem fassungslosen Lächeln, nachdem sie ihr frisch gebautes Bike in die Hand gedrückt bekommt. Sie durfte zuschauen und sogar mit anpacken, als aus vielen Einzelteilen ihr Traumrad zusammengefügt wurde. „Es geht gerade ein großer Traum in Erfüllung.“

In den Diamant-Fahrradwerken Hartmannsdorf werden täglich nicht nur Räder „von der Stange“ gefertigt, sondern auch Sonderanfertigungen, wie die von Svenja. Individuelle Wünsche und Produktkonfigurationen werden bei Project One, kurz P1, zusammengebaut – sowohl aus dem Sortiment von Diamant selbst als auch vom Mutterkonzern Trek.

Fünf Stunden Fahrt für ein besonderes Rad

Svenja Müller und ihr Mann sind dafür extra fünf Stunden von Buchholz in der Nordheide nach Sachsen gefahren, um diesen Moment miterleben und das gute Stück direkt aus der Fabrikhalle mit nach Hause nehmen zu können.

Natürlich hätten sie es auch mit der Spedition bringen lassen können, wie die anderen drei, die sie Mitte des Jahres bestellt haben, aber „ich fand die Idee total witzig und cool“, sagt die Radenthusiastin. Allein oder zusammen mit Mann Tobias verbringt sie jede freie Minute im Sattel des „Drahtesels“.

Für Svenja Müller wird ein Traum wahr: Ihre Sonderanfertigung in den Diamant Fahrradwerken darf sie selbst zusammenschrauben.
Quelle: Tabea Zimmermann

 

Für die 45-Jährige wird im Diamantwerk ein Madone-Rennrad zusammengeschraubt. Anatomisch auf ihre Proportionen abgestimmt, entsteht ein gerade einmal sieben Kilogramm schweres Rad aus Carbon.

Allein für zwei Flaschenhalter mit aerodynamisch günstigen Flaschen stehen 200 Euro auf dem Papier. „Das ist echt absurd – dafür, dass die Flaschen nicht einmal allein stehen können“, sagt Svenja Müller mit einem zynischen Kopfschütteln. Mit allen „Extrawünschen“ abseits der Serienfertigung kostet das Rad insgesamt circa 9000 Euro.

 

„Andere fahren für viel Geld in den Urlaub. Wir können aus familiären Gründen nicht für mehrere Tage weit wegfahren. Dafür haben wir eben unsere Räder.“

Svenja Müller, ließ ihr Traumrad bei Diamant in Chemnitz fertigen

 

Ein anderer P1-Kunde hat sogar 17.000 Euro für ein Rad nach seinen Vorstellungen springen lassen, erzählt der Trek-Händler Kay aus Bremen. Persönlich konnte der Käufer allerdings leider nicht zum Termin erscheinen, um zu erklären, welche Bauteile diesen Preis für ihn rechtfertigen.

Mehr Zeit im Sattel als im Flugzeug

Andere fahren für mehrere tausend Euro in den Urlaub oder kaufen sich einen gebrauchten Kleinwagen, Svenja Müller nicht. „Wir können aus familiären Gründen nicht für mehrere Tage weit wegfahren“, erklärt sie. „Dafür haben wir eben unsere Räder.“ Das Hobby ist zum Lebensstil geworden.

Für etwas Urlaubsfeeling haben sie einen Dauercampingplatz in Grömitz an der Ostsee. Doch die schönste Auszeit für Svenja ist eben auf dem Rad. „Wir verbringen tatsächlich die meiste Zeit auf dem Rad“, schätzt Müller ein. Da brauche man auch für jedes Gelände das passende Sportgerät.

Svenja in ihrem Element – den Kopf vom Fahrtwind frei pusten lassen.
Quelle: privat

 

Eine kleine Flotte ist bereits bei dem Ehepaar zusammengekommen. „Mein Sohn hat schon gesagt, wir sollen doch einmal Geld für etwas anderes als Fahrräder ausgeben“, sagt Müller lachend. Auch er wurde mit entsprechendem Equipment ausgestattet, obendrein fährt er das „alte“ von Mutti. „Aber unsere Nachbarn halten uns schon für verrückt“, ergänzt Müller hinter vorgehaltener Hand.

Zehntausende Euro ins Hobby investiert

2018 ist das Paar auf den Geschmack gekommen. Seitdem haben sie sich durch mehrere Radsportarten getestet, den Fuhrpark erweitert – und über die Zeit etwa mehrere tausend Euro in ihr gemeinsames Hobby investiert. Etwa so viel wie ein neuer Mittelklassewagen, überschlägt Svenja im Kopf. „Die Geschichte ging vom Mountainbike über’s Gravel jetzt halt zum Rennrad“, erklärt Müller.

Jedes ihrer Räder hat einen Namen und wird sorgsam gepflegt. Das neue Gefährt kommt auch nicht in den Schuppen. „Das kommt ins Wohnzimmer an die Wand“, erklärt Müller kichernd.

Das Traumrad kommt direkt aus der Fabrikhalle mit nach Hause. Monteur Pinus (Mitte) hat Svenjas Traumrad zusammengefügt.
Quelle: Tabea Zimmermann

 

Svenja Müller und ihr Mann Tobias würden sich trotz des hohen Invests in den Radsport als ganz normale Menschen beschreiben. Beide arbeiten in der IT-Sicherheit. Auf Luxus oder teure Markenkleidung legen sie keinen Wert.

Außerdem nutzen sie die Möglichkeit, einen Teil der Kosten durch das Jobrad-Angebot vom Arbeitgeber übernehmen zu lassen. „Ich rauche nicht, ich trinke nicht“, erklärt sie lachend, „was andere beispielsweise für Reisen, Zigaretten oder Bier ausgeben, stecke ich eben in mein Fahrrad.“

Das Traumrad: eine schwere Entscheidung

Die Entscheidung zum Kauf ist Müller keineswegs leicht gefallen. Monate habe sie sich mit Entscheidungen über die Ausstattung gequält. „Ich bin so oft probegefahren, dass Kay schon meine Sitzhöhe auswendig kannte“, erinnert sie sich amüsiert.

Viele Kaffees hat sie beim Fahrradhändler ihres Vertrauens getrunken. Eigentlich hatte sie sich bereits für ein anderes Rad entschieden, doch deutlich kürzere Lieferzeiten hatten sie zum Kauf bei Trek bewogen.

 

„Es ist genau so, wie ich es haben wollte.“

Svenja Müller, über ihr neues Madone-Rennrad

 

Der nächste Meilenstein mit dem neuen Traumrad wird eine Wertungsfahrt des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) sein. Etwa 120 Kilometer stehen dann am Stück an. Diese Radtourenfahrten haben keinen Wettkampfcharakter und versprechen Bonuspunkte – ganz nach dem Geschmack von Müller.

Der ausbleibende Leistungsdruck und die Vielfalt an Teilnehmenden schätzt Müller bei diesen Touren am meisten. Allein dieses Jahr, so hofft sie, wird das Rad noch 2000 Kilometer Straße sehen.

Nach etwa anderthalb Stunden ist das Rad fertig. Der erste Eindruck nach einer kurzen Testfahrt durch die Fertigungshalle: „Herrlich!“ Svenja Müller strahlt über beide Ohren. Nach nur sechs Wochen Wartezeit hält sie ihr Rad „Karmaeleon“ in den Händen. Der Rahmen schimmert je nach Sonneneinstrahlung zwischen Dunkellila und Knallpink.

„Es ist genau so, wie ich es haben wollte“, schwärmt Müller, während sie das neue Lieblingsstück im Combi verstaut. So geht es jetzt zurück in Richtung Hamburg, bevor es zusammen mit ihr auf dem Asphalt zu Bestleistungen auflaufen kann.

 

*Name redaktionell geändert

SZ / Tabea Zimmermann

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